• Kopfschmerzen - Physiotherapeuten sind kleine Psychologen


    Stephan

    Regelmäßig kommen Patienten mit Kopfschmerzen zu uns - quasi schon daily business. Die Ausprägungen dabei sind meist sehr unterschiedlich und zeigen, wie viele Facetten dieses komplexe Symptom haben kann. In diesem Artikel möchte ich kurz auf Wege und Fehler bei der Behandlung eingehen. Der Spannungskopfschmerz ist die häufigste Form des Kopfschmerzes. Über 90% der Menschen erleben ihn im Laufe ihres Lebens; manche an jedem einzelnen Tag. Die große Verbreitung dieser Kopfschmerzform in Industrieländern lässt die Auslöser bereits erahnen: Stress, Übermüdung, chronische Fehlbelastungen und -haltungen

    Aufklärung durch Physiotherapie

    Wir als Physiotherapeuten können diese Schmerzart oft sehr gut mit Muskeltechniken, Entspannungstherapien, Krankengymnastik usw. bekämpfen. Die Wirksamkeit unserer Arbeit kann für Patienten zum weit besseren, weil verträglicheren und längerwirkenden Mittel werden als die medikamentöse Behandlung, die in den Köpfen oft noch massiv vorherrschend ist. Werbespots mit Aussagen wie "Da nehm ich einfach eine Aspirin Tablette" tun ihr Übriges, die Grundprobleme zu ignorieren. Hier ist gute Aufklärungsarbeit essentiell.

    Physische und psychische Ursachen

    Es gilt in der physiotherapeutischen Behandlung besonders die langfristigen Ursachen zu finden. Neben der tatsächlichen Fehlbelastung (zb durch falsche Arbeitshaltung, zu hohe Belastungen, ..) sind hier auch psychische Belastungen wie Stresss oder zu hohe Erwartungshaltungen aufzudecken. Der Therapeut wird schnell auch zum Psychotherapeuten. Mit etwas Erfahrung kann man erste Anzeichen bereits entdecken, wenn der Patient die Praxis betritt. Die "Last des Tages" drückt die Haltung bei manchen Menschen so stark, dass gesenkte Schultern und gebeugte Haltung erkennbar sind. Die daraus resultierenden Fehlstellungen (HWS Hyperlordose, BWS Hyperkyphose) sorgen für etliche Verspannungen. Dieser Typ Patient wird häufig jedoch zu sehr aus orthopädischer Sicht behandelt und auf die, der Haltung zu Grunde liegenden psychischen Ursachen, zu wenig oder gar nicht eingegangen.

    Physiotherapeut als Vertrauensperson

    Ein komplexer Sachverhalt, da zum einen viele Patienten sich dem Therapeut oft nicht direkt voll anvertrauen können. Eigene Probleme zu suchen und einem vermeindlich Fremden anzuvertrauen ist immer ein großer Schritt, dem man sich suzusive nähern muss. Durch absolut nichts, darf das Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Therapeut getrübt werden. Gebt euren Patienten Feedback, was ihr tut und welche Auswirkungen dies haben kann. Hat der Patient zum Beispiel am nächsten Tag mit Muskelkater zu rechnen, wird ihn dies skeptisch machen. Viele Therapiewege führen oft erst über ein reizen hin zur Besserung, aber die kann der Patient ja nicht ahnen obwohl es für uns selbstverständlich ist. Weiß er stattdessen, was ihn auf dem Weg der Behandlung erwarten kann, führt dessen Eintreten nur weiter zur Stärkung des Vertrauens zum Therapeuten. Zum anderen sind sich viele Menschen ihrer eigenen Problematiken gar nicht bewusst und oft fehlen ihnen die medzinischen und psychoszialen Zusammenhänge zu ihren Beschwerden. Auch dies ist die Aufgabe guten Physiotherapeut/in. Erst wenn das Vertrauensverhältnis stabil steht, kommt man an wichtige Details, die auch dazu führen können, seinen eigenen Befund und die eigene Diagnose neu zu überdenken. Werft also bitte immer einen kritischen Blick auf eure eigene Arbeit.

    Erkenntnisse für die eigene Therapie

    Die bereits angesprochenen zu hohen Erwartungshaltungen im Beruf, führen zu zwei Hauptsymptome, die oft schlicht übersehen werden: Zu wenig erholsamen Schlaf und fehlendes "Abschalten" in der Freizeit. Auch dies sind Ansatzpunkte, die man nicht übersehen darf. Ich habe in meiner Zeit als Therapeut oft Kollegen erlebt, die die gesamte Behandlungszeit mit Übungen vollpflastern und dabei übersehen, dass die Patienten verborgene Fragen haben. Beratung ist ebenfalls unsere Aufgabe, sei es zu Übungen, aber auch zu richtigem liegen, mögliche Verbesserungen am Arbeitsplatz. Eines noch zum Schluss: selbst, wenn man als Therapeut bereits schnell eine Vorahnung zur Diagnose hat, muss man bei diesen Patienten ohne Aussnahme einen vollständigen Befund anlegen. Zu leicht können sonst tatsächliche Erkrankungen übersehen werden. Hört sich einfach an, aber kontrolliert eure Arbeit bitte selbst, auch der letzte Patient nach 8 Stunden hat das Recht auf eine bestmögliche Behandlung.




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